Barrierefreie Videos: Gebärdensprache

Der dritte und letzte Teil dieser Blog-Serie befasst sich mit der Gebärdensprache. Diese wird leider oft vernachlässigt, obwohl sie ein grosser Teil der Kultur und Identität von hörbehinderten oder gehörlosen Menschen darstellt.
Text: Teil 3 von 3, Grafik von Untertiteln, Audiodeskription und Gebärdensprache

Was ist Gebärdensprache? 

Gebärdensprache ist eine visuell-manuelle, vollwertige Sprache, die insbesondere von gehörlosen und schwerhörigen Menschen zur Kommunikation genutzt wird. Dabei geht es allerdings nicht nur um die Bewegung und Stellung der Hand. Zur Sprache gehören auch nicht-manuelle Komponenten wie die Körperhaltung, insbesondere des Oberkörpers, Mimik und das Mundbild. Gebärdensprache ist also multimodal. Das ermöglicht ihr, mehrere Informationen gleichzeitig zu vermitteln. Dies ist ein grosser Unterschied zur Lautsprache, in welcher Information zeitlich nacheinander ausgegeben wird. Ein Beispiel dafür: 

lexikalisierte Gebärde "Auto" ist eine Bewegung. Die anschliessende produktive Gebärde steht für "Es fährt schnell um die Kurve". Dabei stehen Handform und Handstellung für das Fahrzeug, die Ausführungsstelle und Bewegung symbolisieren das Um-Die-Kurve-Fahren und die nicht manuellen Komponenten geben einen Hinweis auf die schnelle Geschwindigkeit.
Abb. 1 Der Satz «Das Auto fährt schnell um die Kurve» in Gebärdensprache. Quelle: DSGS-Handbuch, Kapitel 1, Linguistische Grundkonzepte. Bild: Katja Tissi 

Wie bei der gesprochenen Sprache, gibt es auch bei der Gebärdensprache nicht eine einzige Sprache. Je nach Region haben sich im Laufe der Zeit unterschiedliche Sprachen und Sprachvarietäten entwickelt. In der Schweiz beispielsweise gibt es drei Gebärdensprachen: die Deutschschweizerische Gebärdensprache (DSGS), die Langue des Signes Suisse Romande (LSF) und die Lingua die Segni Italiana (LIS). In jeder Sprache gibt es wiederum auch Dialekte, so z. B. für Luzern oder Basel. Diese Dialekte und Gebärdensprachen treten zwar im selben geografischen Raum auf wie die Lautsprachen; sie sind jedoch nicht einfach eine Übersetzung der jeweiligen Lautsprache in Gebärden. Die Gebärdensprachen haben sich natürlich und unabhängig von den gesprochenen Sprachen entwickelt. Sie sind dementsprechend eigenständige und vollwertige Sprachen mit einer eigenen Grammatik und Syntax. 

Zeichnung einer Person, die in fünf Dialekten das Wort "Brot" gebärdet. In allen Fällen machen die Hände eine runde Bewegung, jedoch variiert die Position vor dem Oberkörper und die Richtung der Bewegungen.
Abb. 2 Verschiedene Gebärden für Brot in den fünf Dialekten der Deutschschweizerischen Gebärdensprache. Quelle: DSGS-Handbuch, Kapitel 1: Linguistische Grundkonzepte. Bild: Jovita Lengen 

Damit sich die Gebärdenden unterschiedlicher Herkunft auch international verständigen können, gibt es die sogenannte International Sign Language (IS). Sie dient als «Verkehrssprache», so wie etwa Englisch bei den Lautsprachen im internationalen Kontext oft als vermittelnde Sprache genutzt wird. 

Wie sieht die Rechtslage aus? 

Laut dem Schweizerischen Gehörlosenbund gibt es in der Schweiz zwischen 20’000 und 30’000 gehörlose Menschen. Trotzdem sind die Gebärdensprachen national noch nicht offiziell anerkannt. Die Gehörlosen-Community setzt sich schon jahrelang dafür ein, dass die drei Gebärdensprachen der Schweiz auch auf Gesetzesebene verankert werden. In einigen Kantonen sind die Sprachen zwar anerkannt (Zürich, Genf, Tessin und Neuenburg), aber konkrete Massnahmen gibt es nicht. Der Bund hat verlautet, dass er die Gebärdensprache in das revidierte Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) aufnehmen möchte. Die Community fordert dem gegenüber ein eigenes Gebärdensprachegesetz. 

Weshalb soll ich eine Übersetzung in Gebärdensprache zur Verfügung stellen, wenn es bereits Untertitel oder einen Text gibt? 

Eine Übersetzung in Gebärdensprache ist gemäss Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) erst auf Stufe AAA vorgeschrieben (Kriterium 1.2.6 «Gebärdensprache, aufgezeichnet»). Nur für die öffentliche Verwaltung ist es nach dem eCH-0059 Accessibility Standard gefordert, dass Inhalte zu zentralen Bereichen in Gebärdensprache (und auch in Leichter Sprache) verfügbar sind. Allerdings wäre eine generelle Umsetzung von Videos in Gebärdensprache wünschenswert, da für viele Benutzende der Gebärdensprache diese auch ihre Muttersprache darstellt. Sie sind damit aufgewachsen und es ist Teil ihrer Identität. Schweizerdeutsch und Deutsch (oder jede andere gesprochene Sprache) sind also Fremd- bzw. Zweitsprachen und eine ganz andere Sprachmodalität. Menschen, die von Geburt an gehörlos sind, kennen die Laute zu den Buchstaben und Worten nicht und es fehlt ihnen die Möglichkeit, sich die Grammatik und Bedeutung einer Sprache über das Hören anzueignen. Das Erlernen der Schriftsprache ist also eine sehr schwierige Aufgabe. 

Aus diesem Grund können Menschen mit einer Hörbehinderung Untertitel möglicherweise nicht so schnell lesen wie Gebärden. Gebärdensprache kann ausserdem Emotionen und Nuancen vermitteln, die in einem Text schnell verloren gehen. 

Weiterführende Informationen zum Thema im Rahmen der WCAG finden Sie unter dem folgenden Link (nur auf Englisch verfügbar): https://www.w3.org/WAI/media/av/sign-languages/ 

Quellen (abgerufen am 05.08.2026): 

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